DVCS

Krise und Risiko. China und der Umgang mit Unwägbarkeit

Deutsche Vereinigung für Chinastudien, XXXI. Jahrestagung, Freitag, 13. November, bis Sonntag, 15. November 2020

Asien-Orient-Institut der Universität Zürich

Einladung zu Konferenzbeiträgen

China oder Amerika, Klima und Umwelt, der Supermarkt in der eigenen Strasse oder das Immunsystem im eigenen Leib – wohin wir auch blicken: Es ist offensichtlich, dass wir uns mitten in einer globalen Krise befinden. Selten in der jüngsten Geschichte schien es riskanter, Sinologinnen und Sinologen zu einer grösseren Tagung einzuladen, an einem physischen Ort zusammenzukommen und zu diskutieren, wie in China mit Krisen und Risiken umgegangen wird und wurde, und welche Unwägbarkeiten für unseren Umgang mit China dies birgt.

Vor seinem Aufstieg zur universalen Metapher stand das Wort Krise meist für den alles entscheidenden Punkt eines Krankheitsverlaufs. Dagegen stammt Risiko nach einer gängigen etymologischen Hypothese aus der Sprache der Seefahrt und soll sich vom spanischen Wort für ‘Klippe’ ableiten – vergleichbar dem chinesischen Schriftzeichen wei 危, dessen semantischer Bestandteil von einigen Paläographen auf die Darstellung eines Menschen am Abgrund zurückführt wurde.

Verstehen wir unter Krise also mehr als eine blosse Notlage, so setzt ihre Diagnose ein Wissen über den typischen Verlauf etwa einer Krankheit voraus. Ohne eine solche Vorstellung von Regularität, ohne einen Begriff von vermeintlichen Ursachen und möglichen Vorbeugungsmassnahmen ist Krisenbewusstsein undenkbar. Vor diesem Hintergrund lässt sich die Orientierung alter Gesellschaften, auch in China, etwa an astronomischen Regelhaftigkeiten, durchaus als Versuch deuten, zumindest die zeitlichen und räumlichen Muster der Erscheinungen zu begreifen, um der Umwelt als Ganzes eine gewisse Berechenbarkeit abzugewinnen. Spätestens mit dem herrschaftslegitimatorisch gewendeten Mythos des Flutenbändigers Yu 禹 oder im Zuge von Grossprojekten zur Abwehr gegnerischer Heere mithilfe von Schutzmauern in und um das chinesische Kernland seit der Frühlings- und Herbstperiode zeigt sich die politische Dimension der Krisenbewältigung in China überdeutlich.

Folgen wir Niklas Luhmanns Definition von Risiko als Selbstzuschreibung möglicher Folgeschäden eigener Entscheidungen (Luhmann 1990: 148), so entstehen Risiken erst mit der zwangsläufigen Unsicherheit unserer Vorkehrungen gegen vorweggenommene Gefahren. Ulrich Beck (1986) unterscheidet die Begriffe Risiko und Krise trotz ihrer Bedeutungsverwandtschaft voneinander. Denn als permanenter Zustand von Virtualität stellt das Risiko – anders als die Krise – nicht die Ausnahme, sondern vielmehr den Normalzustand moderner Gesellschaften dar.

Totalitäre Katastrophen, technologisch gestützte Ausbeutung der Natur, gewalttätige Wirtschafts- und Zeitregimes, säkulare Abgründe enthemmter Ideologien, psychologische Verunsicherungen des Individuums in industriellen und postindustriellen Gesellschaften (Tsouyopolos & Schönpflug 2006) – das 20. und 21. Jahrhundert boten und bieten vielfältigste analytische Ansatzpunkte für den Begriff der Krise (Koselleck 1957, 1986). Die Ubiquität seiner Anwendung auf vielfältigste Kultur-, Wirtschafts- und Gesellschaftsphänomene im chinesischen Anthropo- und Kapitalozän bezeugt die fortwährende Nützlichkeit dieses Konzepts. Wenn Beck das Risiko als Normalzustand bestimmt und die weltweit fortwährend und in zunehmendem Masse voranschreitende Einschränkung bürgerlicher Rechte und Freiheiten auf den konstanten Modus der Risikobewältigung zurückführt, so zeigt sich darin auch eine gewisse Kontinuität von Massnahmen zur ideologischen Kontrolle der Untertanen durch Selbst- und Fremddisziplinierung im vormodernen China, die trotz des offensichtlichen Anachronismus der Terminologie mit gewissem Recht unter dem Stichwort der „Prävention“ verbucht werden können. Benjamin Elman jedenfalls spricht vom kaiserzeitlichen Konfuzianismus und dem damit verknüpften Beamtenprüfungswesen als einem Glanzstück eines – freilich unbeabsichtigten – “social engineering” (Elman 1991: 23). Spätestens seit der Niederlage im sino-japanischen Krieg stellen wir zudem auch in China fest, dass die Krise in vielfältigen politischen, wirtschaftlichen und philosophischen Diskursen als Epochenbegriff für Zeitperioden lange vor der chinesischen Moderne fruchtbar gemacht wurde (Liu & Sun 2007, Liu & Peng 2016, Heubel 2015).

In den letzten Jahrzehnten hat sich mit der Dezentralisierung nach Mao der Umgang mit Krisen für die chinesische Regierung deutlich erschwert. In verschiedenen Anstrengungen zur Koordination des Krisenmanagements wurden Reaktionsmechanismen gegen eine Vielzahl von Ausnahmesituationen von Naturkatastrophen bis zu Pandemien institutionalisiert. Viele der seit Amtsantritt der Xi-Regierung im Jahr 2012 neu gegründeten “Kleinen Führungsgruppen” (lingdao xiaozu 領導小組) befassen sich mit der Bewältigung von Notfällen und Krisen. Seit 2017 konzentrieren sich auch die Kompetenzen im Krisenmanagement wieder stärker auf eine Person, augenscheinlich mit dem Ziel, die Herrschaft der Partei zu sichern und in Zeiten beschleunigten Umbruchs politische Stabilität auszustrahlen. Dass diese zunehmende Machtkonzentration mit dem Ausbau der Zensurinfrastruktur einherging, zeigt aber auch, dass die kulturelle Reflexion gesellschaftlicher Umwälzungen immer wieder neue Freiräume für öffentliche Debatten auszuloten vermag (Cai 2004, Hui 2019).

Die sinologische Abteilung des Asien-Orient-Instituts der Universität Zürich lädt Vertreterinnen und Vertreter aller sinologischen und chinawissenschaftlichen Fachrichtungen ein, mit ihren Vorträgen zu einer umfassenden Auseinandersetzung mit der Thematik beizutragen. Vorträge und Diskussionen sollen in thematisch bestimmten Panels gehalten werden, wobei sowohl sozial- als auch geistes- und kulturwissenschaftliche Foren geplant sind. Für die beiden Plenarvorträge konnten wir bereits Andrea Janku (SOAS London) und Martin Lehnert (LMU München) gewinnen.

Die Organisatorinnen und Organisatoren laden sozialwissenschaftliche Beiträge zu Aspekten des Krisen- und Risikomanagements in Politik, Gesellschaft und Wirtschaft im heutigen chinesischen Sprachraum ein. Der Vielzahl der konkreten Probleme entspricht hier ein inhaltlicher Reichtum, der ein Spektrum unterschiedlichster Themen absteckt, das von gesundheitspolitischen Massnahmen im Nachgang der SARS-Pandemie 2002-3 bis zu umweltpolitischen Massnahmen infolge der massiven ökologischen Folgen der Industrialisierung, vom Katastrophenschutz im Nachgang des Sichuan-Bebens von 2008 bis zu aussenpolitischen Strategien zur Sicherung von Ressourcen und Einfluss reichen kann. Auch jüngste Entwicklungen und Herausforderungen wie die Einführung des sogenannten Sozialpunktesystems in der Volksrepublik China, die fortgesetzte Digitalisierung oder das Aufkommen künstlicher Intelligenz bieten sich als Gegenstand von Beiträgen an.

Ebenso willkommen sind geistes- und kulturwissenschaftliche Beiträge, die den Umgang mit Begriff und Wirklichkeit von Krise und Risiko im vormodernen und modernen China ausloten: Wie und unter welchen Bedingungen wurden konkrete Massnahmen gegen sich abzeichnende Notsituationen getroffen? Welche administrativen und politischen Vorkehrungen wurden ergriffen, um bestimmte drohende Schäden abzuwenden? Welche Vorstellungen und Erwartungen waren dabei massgeblich? Ob technische Massnahmen des Wasserbaus, ob apotropäische Riten oder kombinatorische und numerologische Verfahren der Prognostizierung etc. – welche technologischen, religiösen und magischen Techniken kamen zur Anwendung? Auch die geistesgeschichtliche Auseinandersetzung mit der Thematik soll ihren gebührenden Raum erhalten: Welche Begriffe und Konzepte sind im vormodernen China verwendet worden, um mit dem inhärenten Risiko menschlichen Handelns und Entscheidens umzugehen? Welche Konzeptualisierungen von Ausnahmesituationen gibt es, und welche Modifikationen erfahren sie durch den Kontakt mit fremden Vorstellungen, etwa dem indisch-buddhistischen Gedanken einer karmischen Verursachung, oder auch modernen westlichen Begriffen wie Krise und Risiko seit dem 19. Jahrhundert? Auch literatur-, kunst- und kulturwissenschaftliche Beiträge über die Verarbeitung und Reflexion des persönlichen Umgangs mit Unwägbarkeiten und Extremlagen in Literatur und bildender Kunst könnten einen erheblichen Raum einnehmen. Inwiefern schliessen kulturelle Diskurse an gesellschaftliche Umwälzungen an und wie bringen Krisen neue Handlungsspielräume oder kulturelle Formen hervor? Und welche positiven Impulse können kulturelle Praktiken setzen? Wie verhält sich Du Fus 杜甫 Dichtung zur Katastrophe des An Lushan 安祿山-Aufstandes und welche Inspirationen werden aus dieser sozialkritischen Lyrik der Vormoderne heute gezogen? Wie verarbeiten Exil-Autoren wie Gao Xingjian 高行健 oder Ma Jian 馬建 ihre Erinnerungen an die Kulturrevolution, oder durch den offiziellen Staatsdiskurs eingeschränkte Erfolgsautoren wie Mo Yan 莫言 die Ein-Kind-Politik? Oder wie reflektieren Fang Fangs 方方 Coronatagebücher die gegenwärtigen Möglichkeiten öffentlichen Erinnerns und Dokumentierens?

So breit und bunt dieser thematische Fächer schon erscheinen mag, so klar ist, dass er die Weite des Themas weder abschliessen kann noch soll, und dass auch wissenschaftliche Beiträge über den Umgang mit Krise und Risiko in China willkommen sind, die weit jenseits des skizzierten Rahmens liegen.

Wir bitten Interessierte darum, Titel und Abstract ihres Vortrags (max. 350 Wörter)

bis zum 31. August 2020 (verlängert!)

auf EasyChair hochzuladen. Die Tagungssprache ist Deutsch. Vorträge können jedoch in deutscher und englischer Sprache eingereicht werden. Vorgesehen ist die Veröffentlichung ausgewählter Beiträge zum Tagungsthema in Form des Jahrbuchs der DVCS.

Anmeldungen für eine Teilnahme ohne Vortrag erbitten wir bis zum 01. November 2020 an DVCS2020@aoi.uzh.ch.

Für Mitglieder der DVCS und Studierende bis zum Master oder gleichwertigem Abschluss ist die Teilnahme kostenfrei. Nichtmitglieder zahlen eine Teilnahmegebühr in Höhe von CHF 30.

Die Mitgliederversammlung der DVCS wird voraussichtlich am Abend des 14. November stattfinden.

Kontakt

DVCS 2020, Abteilung Sinologie, Asien-Orient-Institut, Zürichbergstr. 4, CH-8032 Zürich, Tel. +41 44 6343181, mail: DVCS2020@aoi.uzh.ch

Organisationskommittee

Wolfgang Behr, Franziska Huber, Jessica Imbach, Lisa Indraccolo, Jin Sujie, Justyna Jaguscik, Simona Grano, Polina Lukicheva, Samira Müller, Qian Cui, Andrea Riemenschnitter, Marcel Schneider, Rafael Suter, Patrick Wertmann, Marc Winter, Wu Chia-hsün, Mariana Zorkina

Homepage der DVCS: http://www.dvcs.eu/index.html

Literatur

Beck, Ulrich (1986), Risikogesellschaft: Auf dem Weg in eine andere Moderne, Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Beck, Ulrich (2006), “Living in the world’s risk society”, Economy and Society 35 (3): 329–345.

Cai Rong (2004), The Subject in Crisis in Contemporary Chinese Literature. Honolulu: University of Hawai'i Press.

Elman, Benjamin (1991), “Political, Social, and Cultural Reproduction via Civil Servies Examinations in Late Imperial China”, The Journal of Asian Studies 50.1: 7–28.

Heubel, Fabian (2015), “Umkehrende Transformation. Philosophie und Krisenbewusstsein im China des frühen 20. Jahrhunderts”, Studia philosophica 74: 191–204.

Hui Faye Xiao (2019), Youth Economy, Crisis, and Reinvention in Twenty-First Century China: Morning Sun in the Tiny Times, London und New York: Routledge.

Koselleck, Reinhart (1957), Kritik und Krise. Eine Studie zur Pathogenese der bürgerlichen Welt, Freiburg. i. Br., München: Karl Alber.

Koselleck, Reinhart (1986), “Einige Fragen an die Begriffsgeschichte von 'Krise'”, in: Krysztof Michalski (Hrsg.): Über die Krise. Castelgandolfo-Gespräche 1985, Stuttgart 1986, 64–76; auch in: R. Koselleck (2006), Begriffsgeschichten. Studien zur Semantik und Pragmatik der politischen und sozialen Sprache, Suhrkamp: Frankfurt am Main, 203–217.

Koselleck, Reinhart; Tsouyopolos, Nelly & Ute Schönpflug (2006), “Krise” (I: “Geschichtsphilosophie und Geschichtswissenschaft”; II: “Medizin”; III: “Psychiatrie und Psychologie”)", in: Geschichtliche Grundbegriffe: Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland , Otto Brunner, Werner Konze & Reinhart Koselleck (Hrsg.), 8 Bde., Stuttgart: Klett-Cotta, 1972-1997, Bd. 3: 617–650 [engl. in: Journal of the History of Ideas 67 [2006] 2: 357– 400].

Liu Yan 刘岩 & Sun Zhangzhi 孙长智 (2007), “Fengxian gainian de lishi kaocha yu neihan jiexi” 风险概念的历史考察与内涵解析, Changchun Ligong Daxue Xuebao 长春理工大学学报 20.3: 28–31.

Liu Baoxia 刘宝霞 & Peng Zongchao 彭宗超 (2016), “Fengxian, weiji, zaihai de yuyi shuoyuan – jian lun Zhongguo gudai lianshi fengxian zhili liucheng silu” 风险、危机、灾害的语义溯源—兼论中国古代链式风险治理流程思路, Qinghua Daxue Xuebao 清华大学学报 31.2: 184–194.

Luhmann, Niklas (1990), “Risiko und Gefahr”, Soziologische Aufklärung 5: 131–169.